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Omnibus – Regulierung im Rückwärtsgang? Warum Banken jetzt vorwärtsdenken müssen!

Mit dem sogenannten Omnibus-Paket hat die EU-Kommission einen spürbaren Kurswechsel in der Nachhaltigkeitsregulierung eingeleitet. Nach Jahren stetig wachsender Offenlegungs- und Sorgfaltspflichten steht nun nicht mehr die maximale Abdeckung im Vordergrund, sondern Proportionalität, Umsetzbarkeit und Datenqualität. Wie Institute ESG-Datenqualität systematisch verbessern und eine robuste Data-Governance etablieren, erläutern wir vertiefend in unserem Beitrag „ESG-Daten im Bankensektor: Datenqualität und Data Governance“. CSRD, ESRS, EU-Taxonomie und CSDDD werden gezielt verschlankt, zeitlich gestreckt und stärker auf sehr große Unternehmen fokussiert. Trotz der Einführung einer Review-Klausel bleibt ein deutlicher Rollback bestehen - von der Streichung der verpflichtenden Climate Transition Plans über die Abschwächung des Due-Diligence-Ansatzes bis hin zur erneuten Verschiebung zentraler Umsetzungs- und Berichtspflichten.

Nach aktuellem Stand verschieben sich die Reporting-Pflichten für CSRD und EU-Taxonomie um rund zwei Jahre, sodass eine erstmalige Anwendung ab dem Geschäftsjahr 2027 vorgesehen ist. Entsprechend wären die ersten CSRD- und EU-Taxonomie-Berichte zum 01.01.2028 zu veröffentlichen. Für die CSDDD ist eine gestaffelte Anwendung geplant, mit einem frühestmöglichen Stichtag ab dem 01.01.2029 für große Unternehmen.

Für Banken bedeutet das: Der regulatorische Zeitdruck nimmt kurzfristig ab, der Handlungsbedarf verschiebt sich jedoch nicht. Um Datenarchitekturen, Prozesse und Governance stabil und prüfungssicher aufzubauen, sollte spätestens ab 2027 mit der operativen Umsetzung begonnen werden. Institute, die diese Zeit nutzen, schaffen die Voraussetzungen für eine reibungslose Berichterstattung – und reduzieren zugleich Risiken in Kreditsteuerung

Für Banken bedeutet das weiterhin keineswegs eine regulatorische Entlastung im engeren Sinne: Während der automatische Zufluss standardisierter ESG-Primärdaten aus der Realwirtschaft abnimmt, bleiben aufsichtliche Erwartungen an Risikotransparenz, Steuerungsfähigkeit und Forward-Looking-Analysen unverändert hoch. Der Omnibus verschiebt damit den Schwerpunkt – weg von breiter Datensammlung, hin zu eigenverantwortlicher Datenarchitektur, belastbaren Methoden und aktivem Client-Engagement. Gerade deshalb sollten Banken Sustainable Finance nicht als reine Compliance-Aufgabe verstehen, sondern als strategischen Erfolgsfaktor – konkrete Ansätze dazu zeigen wir in unserem Leitfaden „Mit Sustainable Finance zu mehr Erfolg: Ein Leitfaden für Banken“.

Dieser Beitrag ordnet die zentralen Änderungen ein und zeigt, warum gerade Institute jetzt strategisch nachschärfen sollten.

Die wichtigsten Änderungen noch einmal in aller Kürze

Ab dem 01.01.2027 gilt die aktualisierte Berichtspflicht für CSRD und EU-Taxonomie (erste Berichte ab 2028):

  • CSRD/ESRS: deutlich engerer Anwendungsbereich (höhere Schwellen, Fokus auf sehr große Unternehmen), verschobene Zeitlinien in Teilen („Stop-the-Clock“) und parallele Reduktion der ESRS-Datenpunkte.

  • EU-Taxonomie: Vereinfachungen bei Berichtspflichten und geringere Abdeckung, weil weniger Unternehmen CSRD-pflichtig bleiben.

  • Ab dem 01.01.2028 gilt die aktualisierte Berichtspflicht für CSDDD (erster Bericht ab 2029):

  • CSDDD: inhaltliche (Due Diligence & zivilrechtliche Haftung) und zeitliche Entlastungen, v. a. über Risiko-Fokussierung und angepasste Pflichten.

Der Regulierungsdruck verschiebt sich weg von „mehr Daten von allen“ hin zu „gute Daten von den Größten – plus intelligente Schließung der Lücken bei anderen“.

Schnittstellen zu bestehenden Regularien – wo der Omnibus besonders wirkt

a) SFDR & Produkttransparenz

Auch wenn SFDR selbst nicht der Hauptadressat des ersten Omnibus-Pakets ist, verändert sich die Datenbasis für SFDR-Disclosure spürbar:

  • Weniger CSRD-Reports bedeuten weniger standardisierte ESG-Daten für Unternehmensportfolios.

Das erhöht den Aufwand für Schätzungen, Bewertung und Engagement-Daten in Artikel-8/9-Produkten und führt voraussichtlich zu mehr fehlerhaften Ratings. Erwartbar ist daher mittelfristig eine stärkere Diskussion über Datenqualität, Methodik-Offenlegung und Governance.

b) Pillar-3-ESG / EBA-Offenlegung

Banken müssen weiterhin Klima- und ESG-Risiken offenlegen. Die Omnibus-Vereinfachungen reduzieren jedoch die Zulieferung externer Primärdaten – genau dort, wo Pillar-3-Kennzahlen (z.B. GAR/BTAR-Logiken) ansetzen. Die Folge: mehr interne Ableitungen, höhere Anforderungen an Auditierbarkeit und „Reasonable-Assumption-Frameworks“.

c) ICAAP/ILAAP, SREP & Klima-Stresstests

Aufsichtliche Erwartungen zu Klimarisiken bleiben hoch. Wenn Unternehmens-Disclosure seltener und weniger granular wird, steigen die Anforderungen an bankeninterne Risikomodelle, Szenario-Designs und Dateninterpolation. Die EZB hat bereits auf das Risiko hingewiesen, dass zu starke Reduktionen die Beurteilung finanzieller Klimarisiken erschweren könnten.

Was bedeutet das operativ für Banken?

Offenlegung wird nicht leichter – nur anders

Die Pflicht zur ESG-Transparenz bleibt bestehen. Aber:

  • Primärdaten werden knapper, insbesondere bei Mid-Caps und nicht-EU-Emittenten.
  • Der Regulator akzeptiert weiterhin keine/wenige „Data Gaps“ – also müssen Banken datenstrategisch gegensteuern.

Datenmanagement wird zum Engpass

Viele Institute haben CSRD-Daten als zukünftigen „Single Source of Truth“ eingeplant. Diese Annahme ist so nicht mehr haltbar. Nötig sind: 

  • Hybrid-Datenmodelle (CSRD-Daten dort, wo vorhanden, ansonsten externe Daten/Engagement-Daten /Schätzungen).
  • Klare Data-Lineage für Aufsicht und Wirtschaftsprüfer.
  • Ein pragmatisches Materialitäts- und Priorisierungsmodell, damit ESG-Datenerhebung nicht uferlos wird.

ESG-Integration bleibt Treiber für Ertrag

Vereinfachung heißt nicht Stillstand:

  • Kreditprozesse, Pricing, Sicherheitenbewertung und Portfolio-Optimierung brauchen weiterhin belastbare ESG-Inputs.
  • Climate Transition Plans der Realwirtschaft bleiben entscheidend für „Forward-Looking Risk“ und Transformationsfinanzierung – ihr finaler Status im Trilogue ist daher für Banken hochrelevant.

Wie sich Banken jetzt optimal vorbereiten können – 6 konkrete Schritte

  1. Regulatory Impact Assessment aktualisieren
    Welche Portfolios verlieren CSRD-Coverage? Wo entstehen neue Blind Spots?
  2. ESG-Datenstrategie neu kalibrieren
    Aufbau eines Data-Tiering-Ansatzes (Primärdaten, verifizierte Drittquellen, Proxies) inkl. Qualitätsklassen.
  3. Methodik- & Modellgovernance stärken
    Mehr Schätzungen erfordern robustere Policies zu Annahmen, Validierung und Modellrisiko.
  4. Disclosure-Roadmap „Stop-the-Clock-sicher“ machen
    Zeitpläne für Pillar-3, SFDR, Taxonomie-KPIs und interne Steuerung synchronisieren.
  5. Client-Engagement ausweiten
    Dort, wo CSRD wegfällt, werden bilaterale Datenanforderungen und Transition-Dialoge wichtiger – auch als Geschäftschance.
  6. ESG-Operating-Model verschlanken, nicht abbauen
    Fokus auf Werttreiber (Risiko, Produkte, Funding, Reputation) statt auf Vollständigkeits-Perfektion.

Fazit:

Der Omnibus ist kein Rückzug aus der Nachhaltigkeit, sondern ein Strategiewechsel in Richtung Proportionalität. Für Banken heißt das: weniger „automatischer“ Datenzufluss aus der Realwirtschaft, dafür höhere Anforderungen an eigenes Daten- und Risikohandwerk. Institute, die jetzt ihre ESG-Datenarchitektur, Governance und Client-Strategie pragmatisch nachschärfen, werden nicht nur compliance-fähig bleiben – sondern die Lücke im Markt für Transformationsfinanzierung aktiv nutzen können.

Wie weit Kreditinstitute beim Aufbau von Sustainable-Finance- und ESG-Strukturen tatsächlich sind – und wo in der Praxis typische Lücken bestehen – zeigen die Ergebnisse unserer Studie „ESG-Umsetzungsstand bei Kreditinstituten: Anders als gedacht“ zum Nachlesen.

Wie schätzen Sie den Omnibus ein – als sinnvolle Entlastung oder als Rückschritt in der nachhaltigen Transformation? Wir freuen uns auf Ihre Einschätzungen.

Hinweis:

Dieser Blogbeitrag ist in Kooperation durch Dr. Andy Beier, Senior Consultant movisco AG, und Thomas Grässl, Senior Consultant bei BlackBoar AG, enstanden.

Thomas Grässl, M.A. ist Senior Consultant bei der BlackBoar AG mit Schwerpunkt auf Sustainable Finance & ESG, Data Governance und Regulatorik. Durch seinen akademischen Hintergrund verbindet er starke analytische Fähigkeiten mit tiefem Verständnis für Nachhaltigkeitstransformationen. Er verfügt über fundierte Expertise in Wesentlichkeits- und Risikoanalysen, der Definition und Operationalisierung von ESG-KPIs, der Entwicklung von Transitionsläne und ESG-Strategien sowie im Reporting nach etablierten Standards (CSRD, VSME, TCFD, GRI…). Er ist Experte für Datenarchitektur und Data Governance und unterstützt Banken bei der Gestaltung regulatorisch konformer Datenmodellen (u. a. BCBS 239, CRR III) sowie im Compliance- und Risikomanagement.


Ihre Ansprechpartnerin

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